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Die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke

  • Text und Illustration: Claudia Peschl
Illustration zwei Menschen auf Bahngleisen

Ich freue mich, als ich am Passauer Hbf aus dem eisigen Wind, der die letzten Tage herrschte, in den Zug aus Wien steige.

Es fühlt sich anders an, als in eine S-Bahn zu steigen, ernsthafter. Denn für diese Verbindung nach Frankfurt gibt es sogar Flugverbindungen für einen Bruchteil des Preises und der Zeit. Trotzdem stehe ich schon in der Bahn, wo es nach frischgeduschten Reisenden, Kiosk-Kaffee und dem Staub der gepolsterten Bahnsitze riecht. Es ist der Duft von Aufbruch, der durch meine medizinische Mund-Nasenbedeckung dringt.

Um 9:35 Uhr setzt sich der ICE in Bewegung, weiter Richtung Nord-Westen.

Um die null Grad ist immer noch ziemlich kalt für Mitte April, denke ich, während ich auf meinem Sitz den Mantel ausziehe.

Gemächlich schiebt sich der Bahnsteig nach hinten und offenbart zum letzten Mal das charmante Bahnhofsviertel dahinter.

Fünf Minuten fahren wir schon, als wenig überraschend die Durchsage kommt: Der Zug verspätete sich um einige Minuten, diesmal wegen Grenzkontrollen.

Die städtische Landschaft vor dem Fenster wandelt sich zu Hügeln, kleine Wälder und immer mehr Felder bauen sich vor dem Fenster auf.
Einen Augenblick später fallen erst zwei, dann drei und plötzlich fünf Polizisten in den Wagon ein.
Einer der Uniformiertenbeugt sich über uns bittet mich mit österreichischem Akzent um meinen Ausweis.

Tickets auch?

Tickets auch.

„Sie sind zusammen unterwegs?“, fragt der Beamte meinen Freund und deutet zwischen uns hin und her, „aus Passau?“

Ja, genau, zusammen, in Passau zugestiegen, antworte ich mit einem beschwichtigenden Lächeln, bevor es mein Mitfahrer reagieren kann. Nach kurzem Kramen sind sämtliche Dokumente vorgezeigt und abgesegnet.

Die dreiköpfige Familie im Vierersitz schräg gegenüber wird auch um ihre Ausweise gebeten, ihr Polizist spricht gefühlt dreimal lauter und auf hochdeutsch. Die Frau trägt ein seidiges Tuch um ihr Gesicht und der Mann dunkle Brauen auf der Stirn.
„Und ihr Sohn? Den haben sie jetzt nach Deutschland gebracht? Er hat keinen Ausweis? Dann müssen sie ein Visum beantragen und warten.” Das Baby wimmert, beantragt aber kein Visum.

Ich bin froh, dass ‚Passau‘ auf unseren Tickets und meinem Ausweis steht. Mein Freund neben mir zieht sich seine Strickmütze über die schwarzen Haare und steckt seinen spanischen Ausweis wieder ein. Ich weiß, die nächsten Minuten wird er die Beamten stumm verfluchen, denn seine dunklen Augen funkeln hinter der Maske.

Der Tisch, die Sitze und danach das Gepäckabteil darüber, an denen die kleine Familie saß wird untersucht. Ich wusste gar nicht, dass man diese Zugtische nach oben klappen kann. Doch wie eine Bergziege in ihrem Element, springt der Polizist auf den Plätzen der Familie herum. Jetzt wäre wahrscheinlich der Moment etwas zu sagen. Die restlichen Grenzbeamten bringen die drei Reisenden ans Ende des Wagons und kontrollieren weiter.

Nach dem Schauspiel hört die junge blonde Frau auf den Sitzen neben uns weiter unbehelligt Musik auf ihren AirPods. Währenddessen rasen wir schon weit außerhalb der Stadt durch das Land. Links neben mir ziehen kleine Siedlungen mit einstöckigen Reihenhäusern, aufgeräumten Gärten und Gartenzäunchen vorbei. Rechts schlängelt sich die Donau verspielt nebenher. Nur der Zug spaltet die Landschaft.

Der Polarwind reißt an Büschen und Bäumen, in deren Schatten sich der letzte Schnee versteckt. Die negativen Corona-Schnelltests der beiden Männer vor uns sind wohl auch nicht in Ordnung.

Es müssen PCR-Tests sein!

Sie sprechen aber besser Deutsch und die Polizisten deshalb auch leiser.

Von hinten dringt die Stimme eines bayerischen Polizisten in den Wagon: Aus Griechenland? Es besteht ein Straftatbestand. Da kann man nix machen. Die kleine Familie hört man aber nicht mehr, bis auf ihren protestierenden Säugling.

Sie steigen hier mit uns aus, in einen anderen Zug.
Am nächsten Halt steigen die Polizisten mit der Familie aus, in einen anderen Zug.

„I hope they can sleep well tonight“, zischt es hinter der Maske meines Mitfahrers hervor.