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Gestaltung auf Augenhöhe

Die neue Professorin für Design Strategie Claudia Nass Bauer erzählt im Interview, warum es so wichtig ist, im Entstehungsprozess von Produkten als Designer:in beteiligt zu sein.

Erwachsene Person mit schulterlangem, braunem Haar und schwarzem Top.

Wenn ein:e Bildhauer:in eine Skulptur erschafft, dann würde Professorin Claudia Nass Bauer das passende Schnitzeisen sowie die perfekte Schnitzmethode für sie entwickeln – vereinfacht gesagt, könne man sich so die Methodenentwicklung für digitale Lösungen vorstellen. 

Claudia Nass Bauer kommt aus dem Süden Brasiliens, ihre Heimatstadt ist Curitiba. Seit 15 Jahren lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in der Nähe von Kaiserslautern. Ihre Ausbildung und ihr Werdegang verknüpfen sich zu einem schöpferischen Kaleidoskop aus Design, Methode und Wissenschaft:

In Curitiba machte Nass Bauer zunächst eine Ausbildung in Industriedesign und studierte anschließend graphische Künste. In Madrid absolvierte sie einen Master in Marketing und Kommunikationsmanagement. Die Liebe brachte sie schließlich nach Deutschland, wo Nass Bauer am Fraunhofer IESE in Kaiserslautern als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Usability und Interaktionsdesign arbeitete. Dort entwickelte sie unter anderen das »Tangible Ecosystem Design«, eine Methode um digitale Ökosysteme zu modellieren und zu beschreiben.

Eine Hand gestikuliert über einem Modell mit Playmobil-Figuren und gelben und blauen Notizzetteln.

Seit diesem Wintersemester ist sie Professorin für Design Strategie in der Fachrichtung Kommunikationsdesign an der Hochschule Mainz und wird angehende Designer:innen unterrichten. 

Liebe Frau Nass Bauer, ich gehe mal davon aus, dass Sie Mainz kennen. Wie ist Ihr Eindruck von der Stadt und der Hochschule?

Ich kenne Mainz von ein paar Besuchen: Freunde von mir leben im Großraum Mainz. Wir haben uns ein paar Mal in der Stadt getroffen, um auszugehen oder den Weihnachtsmarkt zu besuchen. Ich empfand die Stadt immer als sehr lebendig. Außerdem finde ich, wenn eine Stadt direkt an einem Fluss liegt, wie Mainz, hat das ein ganz besonderes Flair – es fühlt sich an, wie im Urlaub zu sein. 

Den neuen Campus habe ich auch schon besucht. Das Gebäude selbst ist sehr modern und ansprechend. 

Leider habe ich aufgrund der aktuellen Situation nicht viele Menschen kennenlernen können. Doch alle Kolleg:innen, die ich vor Ort oder virtuell getroffen habe, haben mich sehr offen und herzlich empfangen. Das hat bei mir einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. 

Die Gebäude in der Holzstraße kenne ich bisher nur von außen. Daher freue ich mich besonders, wenn in diesem Semester wieder Präsenzunterricht möglich ist und ich vor Ort sein kann.

Da geht es Ihnen wie den meisten Ihrer Kolleg:innen sowie den Studierenden, die sich auf die Präsenzlehre freuen und endlich wieder durch die Gänge der Holzstraße laufen möchten. Bisher haben Sie am Fraunhofer IESE Institut gearbeitet – wie kann man sich Ihre Arbeit dort vorstellen?

Beim Fraunhofer IESE Institut habe ich mit klassischen Usability- und Interaktionsdesign-Projekten begonnen. Im Laufe der Jahre habe ich mich dann mehr und mehr in die Methodenentwicklung für digitale Lösungen begeben – hinzu eine Metadesign-Ebene.

Wie genau kann ich mir das vorstellen?

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ein:e Bildhauer:in gestaltet eine Skulptur. In unserem Fall würde die Designer:in für die Bildhauer:in die Werkzeuge entwerfen, wie Schnitzeisen oder Spachtel. Aber auch die Art und Weise, das heißt, wie die Werkzeuge eingesetzt werden, liegt in den Händen der Designer:in. Das ist dann die Methode. 

Und genau das ist meine Arbeit beim Fraunhofer IESE: Ich entwerfe die Werkzeuge und die Methoden, die es anderen wiederum ermöglichen, digitale Lösungen zu entwerfen. In meiner aktuellen Rolle als Expertin für Digital Ecosystem Service Design entwickle ich insbesondere Methoden für die Gestaltung digitaler Ökosysteme.

Können Sie mir Beispiele von digitalen Ökosystemen nennen? Was darf ich darunter verstehen?

Darunter fallen beispielsweise Vermittlungsplattformen wie Airbnb, Uber oder Amazon Prime Video. In diesem Fall sind es digitale Systeme, die die Vermittlung von Produkten oder Dienstleistungen von einer großen Gruppe von Anbieter:innen an eine große Gruppe von Kund:innen unterstützt. Diese Ökosysteme bestehen aus einer Vielzahl von Interessengruppen, verschiedenen Technologien und unterschiedlichen, teilweise auch widersprüchlichen Geschäfts- und Nutzerzielen.

Ein hochkomplexes Gebilde für das Sie dann, kompakt gesagt, die Methoden und Werkzeuge entwickeln.

Genau. Wir haben am Fraunhofer IESE das „Tangible Ecosystem Design“ entwickelt. Hier wird mithilfe von Playmobil®-Figuren und Templates ein komplexes Ökosystem modelliert und beschrieben. Die physische Darstellung anhand von Playmobil®-Figuren hilft, komplexe technische, geschäftliche und rechtliche Konzepte zuzuordnen. Und letztlich auch allen involvierten Interessensgruppen einen Überblick über ihre Möglichkeiten zu geben.

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück oder besser nach vorne zu Ihrer Professur „Design Strategie“. Was genau bedeutet Design Strategie? Und auch: Was verstehen Sie darunter?

»Die Anwendung von Designprinzipien und -methoden zur strategischen Entwicklung und Umsetzung innovativer Lösungen, von denen Menschen und Organisationen gleichermaßen profitieren.« Das wäre eine Definition von Giulia Calabretta, Gerda Gemser und Ingo Karpen.

Und Ihre eigene…

Für mich sind Designer:innen Übersetzer:innen von Kundenbedürfnissen. Designer:innen sind in der Lage, unterschiedliche Impulse, Kontextelemente und Bedürfnisse in konkrete Gestaltungsziele zu übersetzen und auch in entsprechende Lösungen zu konkretisieren.

Design wird strategisch, wenn Designer:innen nicht nur die ausführende Rolle spielen, sondern auch die Steuerung der Definitions- und Lieferprozesse beeinflussen.

Die Designer:innen sollten den Kern eines Produkts verstehen und eine wahre Kollaboration mit den anderen Bereichen eines Unternehmens eingehen.

Das bedeutet, dass ich als Designer:in mich beispielsweise nicht nur mit der Gestaltung des Produkts, sagen wir einem Corporate Design für ein Kaffeeunternehmen beschäftige, sondern auch mit den Produktprozessen. Heißt, was passiert im Inneren des Unternehmens.

So ähnlich kann man es verstehen. Es gibt das Doppelrautenmodell der Produktdefinition und -bereitstellung. Designer:innen befinden sich in der Regel im vorderen Teil dieses Diamanten. Dort leisten sie einen hervorragenden Beitrag zur Produkt- und Dienstleistungsdefinition, aber sie müssen auch im hinteren Teil des Diamanten mitwirken, bis das Produkt oder die Dienstleistung auf den Markt gebracht wird. Hier werden viele Entscheidungen getroffen, die auch wichtig für die Gestaltung sind und Auswirkung auf das Endprodukt haben.

Die Designer:innen sollten den Kern eines Produkts verstehen und eine wahre Kollaboration mit den anderen Bereichen eines Unternehmens eingehen. Sie sollten dabei die Unternehmenssprache (Domäne, Produktion, Finanzen) verstehen, sodass eine Begegnung auf Augenhöhe geschieht.

Vor allem bei der Produktion und Auslieferung eines Produkts müssen viele Entscheidungen getroffen werden, und Designer:innen spielen dabei eine wichtige Rolle, weil sie die Designziele und Kundenbedürfnisse genau kennen.

Zwei Personen stehen vor grauen Pinwänden, die mit gelben und pinken Notizzetteln bedeckt sind.

Haben Sie ein Beispiel, bei dem designstrategisch so gearbeitet wurde?

Das Bekannteste oder der Klassiker ist wohl Apple. Hier wurde und wird Design auf allen Ebenen mit einbezogen. Aber auch IKEA, Coca-Cola oder Starbucks können als designgetriebene Organisationen genannt werden.

Das macht Nutzung oder Konsum der Produkte so angenehm und intuitiv. Und nun sind Sie in der Fachrichtung Kommunikationsdesign an der Hochschule Mainz, werden angehende Gestalter:innen unterrichten – welche Erwartungen und Vorstellungen haben Sie an die hiesige Lehre? Wie kann sich ein Lehrkonzept durch Design Strategie erweitern respektive entwickeln?

In erster Linie freue ich mich, angehende Designer:innen unterrichten zu können. 

In den Gesprächen mit den Kolleg:innen der Fachbereiche habe ich es so wahrgenommen, dass man durch die Lehre die Perspektive des Menschen, der im Mittelpunkt der Gestaltung stehen soll, weiter stärken möchte.

Im Konkreten heißt das, dass ich mir die Durchführung von Projekten unter Designmanagement-Perspektive ansehe. Das kann das Management von Innovationsprozessen sein oder die Designführung, die über die Ausführung von Designaufträgen hinausgeht, sowie Projektführung und Teamführung. Aber auch Dinge wie Auftragsbesprechung, Zielvereinbarung oder Projektsteuerung stehen im Fokus.

Liebe Frau Nass Bauer, meine letzten Fragen an Sie: Was inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit? Wo finden Sie kreative Freiräume?

Ich finde die Geschichten von Menschen, Produkten und Organisationen sehr inspirierend. Wir haben heutzutage das Glück, dass viele Menschen ihre Geschichten, Erfahrungen und Perspektiven teilen. Ich bin ein Fan von Podcasts und höre mir im Moment die Geschichten von Design-Leaders an, wie sie Design sehen und erleben, wie sie Design in ihren Unternehmen etablieren und welche Erwartungen sie an die Design-Ausbildung und junge Fachkräfte haben. 

Einen kreativen Freiraum? Ich glaube, den habe ich tatsächlich in meiner Arbeit.

Das ist toll, den wünschen sich wahrscheinlich die meisten Menschen dort. Vielen Dank für das schöne Gespräch.

Das Gespräch fand während der vorlesungsfreien Zeit über Zoom statt. Die Fragen stellte Mareike Knevels.